Holzsteg durch Küstendünen unter blauem Himmel
Barrierefreiheit im Web
Für manche unverzichtbar, für alle besser
Barrierefreiheit im Web (Accessibility) wird zunehmend wichtiger: sowohl aus rechtlicher Sicht als auch als Teil des Anspruchs, bessere digitale Erlebnisse für alle zu schaffen. Mit gesetzlichen Regelungen wie dem deutschen Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) werden Unternehmen dazu angehalten, genauer darüber nachzudenken, wie Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen mit Websites und Anwendungen interagieren.
Bei K3B sind wir überzeugt, dass gute Software für alle Menschen funktionieren sollte. Barrierefreiheit ist deshalb ein wesentlicher Bestandteil hochwertiger Benutzungsoberfläche, die intuitiv, inklusiv und einfach zu bedienen sind.
Um das Thema zu vertiefen, hat Sofia eine weiterführende Schulung zur digitalen Barrierefreiheit absolviert. In dieser zweiteiligen Serie teilt sie einige der wichtigsten Erkenntnisse und praktischen Learnings aus dieser Weiterbildung, beginnend mit den Grundlagen der Barrierefreiheit im Web und der Frage, warum sie so wichtig ist.
”Barrierefreies Design ist für manche unverzichtbar und für alle nützlich”
Gute Software sollte für alle funktionieren.
Porträt von Sofia, lächelnd im Freien
Etwa 1 von 6 Menschen weltweit – rund 1,3 Milliarden Menschen – lebt mit einer erheblichen Behinderung.
Und diese Zahl erzählt noch nicht die ganze Geschichte. Eine Behinderung ist nicht immer etwas, mit dem Menschen geboren werden. Sie kann vorübergehend sein, sich im Laufe der Zeit entwickeln, durch eine Verletzung oder Krankheit entstehen oder schlicht Teil des Älterwerdens sein. Mit einer alternden Bevölkerung erleben immer mehr Menschen Veränderungen ihres Seh- oder Hörvermögens, ihrer Mobilität oder ihrer Geschicklichkeit, ohne sich dabei unbedingt selbst als „Mensch mit Behinderung“ zu bezeichnen.
Unabhängig von den Umständen beeinflusst dies, wie wir mit Technologie interagieren — manchmal nur für einige Wochen, manchmal für den Rest unseres Lebens. Barrierefreiheit unterstützt Menschen auch durch diese Veränderungen.
Doch was genau bedeutet Barrierefreiheit, insbesondere wenn wir über das Web sprechen?
Was ist Barrierefreiheit?
Barrierefreiheit im Web bedeutet, Websites, Tools und Anwendungen so zu gestalten und zu entwickeln, dass sie von möglichst vielen Menschen effektiv genutzt werden können. Es geht darum sicherzustellen, dass Menschen Inhalte wahrnehmen, verstehen, navigieren, mit ihnen interagieren und selbst zum Web beitragen können – unabhängig von ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen oder der Art und Weise, wie sie auf Technologie zugreifen.
Das kann zum Beispiel bedeuten, dass eine blinde Person eine Website mit einem Screenreader navigieren kann, dass jemand mit eingeschränkter Mobilität eine Tastatur anstelle einer Maus nutzen kann oder dass Menschen mit kognitiven Besonderheiten Inhalte leichter verstehen und mit ihnen interagieren können.
Diagramm: a11y als Numeronym für accessibility — a, dann 11 Buchstaben, dann y
A11y (ausgesprochen „A-eleven-y“) ist ein sogenanntes Numeronym für das englische Wort accessibility. Es steht für die Praxis, digitale Tools, Websites und Apps so zu gestalten und zu entwickeln, dass sie von allen Menschen genutzt werden können, einschließlich Menschen mit körperlichen, sensorischen oder kognitiven Behinderungen.
Für manche unverzichtbar, für alle nützlich
Barrierefreiheit wird häufig mit dem Satz „für manche unverzichtbar, für alle nützlich“ beschrieben. Viele Funktionen, die ursprünglich mit Blick auf Barrierefreiheit entwickelt wurden, verbessern das Nutzungserlebnis in ganz unterschiedlichen Situationen. Zum Beispiel:
  • Untertitel und Transkripte
    sind unverzichtbar für gehörlose und schwerhörige Menschen, aber auch praktisch in lauter Umgebung, ohne Ton oder beim schnellen Überfliegen.
  • Hohe Kontraste und gut lesbare Texte
    unterstützen Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen und machen Inhalte auch bei direkter Sonne leichter lesbar.
  • Klare Überschriften und Strukturen
    helfen Screenreader-Nutzer:innen bei der Navigation und machen lange Seiten leichter erfassbar.
Wie unterschiedlich Menschen Technologie nutzen
Wir interagieren häufig mit Technologie, ohne darüber nachzudenken, auf wie viele unterschiedliche Arten Menschen digitale Angebote verwenden. Die meisten von uns nutzen vielleicht eine Maus, einen Touchscreen oder eine Tastatur – doch das sind längst nicht die einzigen Möglichkeiten.
Behinderungen sind vielfältig und können unterschiedliche Aspekte davon beeinflussen, wie jemand die digitale Welt wahrnimmt, versteht, darin navigiert oder mit ihr interagiert. Welche Hilfsmittel und Methoden eine Person nutzt, hängt von ihren individuellen Bedürfnissen, Vorlieben und Lebensumständen ab.
Einige häufige Beispiele sind:
  • Visuelle Behinderungen: Menschen, die blind sind, ein eingeschränktes Sehvermögen haben oder Farbsehschwächen erleben, nutzen möglicherweise Screenreader, Vergrößerungssoftware, kontrastreiche Darstellungen oder alternative Textbeschreibungen. Screenreader wandeln Texte und Oberflächenelemente in gesprochene Ausgaben um und können gemeinsam mit Braillezeilen verwendet werden.
  • Hörbehinderungen: Gehörlose oder schwerhörige Menschen nutzen möglicherweise Untertitel, Transkripte, visuelle Benachrichtigungen oder Gebärdensprachdolmetschung.
  • Motorische Behinderungen: Unterschiede bei Beweglichkeit, Kraft, Koordination oder Geschicklichkeit können dazu führen, dass jemand eine Tastatur statt einer Maus, Sprachsteuerung, Schalter, Joysticks oder andere alternative Eingabegeräte verwendet.
  • Kognitive und neurologische Behinderungen: Klare Sprache, vorhersehbare Layouts, konsistente Navigation und einfache Interaktionen sind besonders wichtig.
  • Sprachbehinderungen: Digitale Angebote sollten nicht voraussetzen, dass Sprachinteraktion für alle möglich ist.
Es gibt nicht die eine Art, wie Menschen Technologie nutzen. Diese Kategorien helfen zu verstehen — die tatsächlichen Erfahrungen sind komplexer. Behinderungen können sich überschneiden, und Menschen innerhalb derselben Kategorie können vollkommen unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Creator:innen mit Behinderungen und wie sie Technologie nutzen
Diese Youtube-Playlist sammelt Videos von Creator:innen mit Behinderungen, in denen sie Tools und Techniken aus ihrem Alltag zeigen:
Playlist: Menschen mit Behinderung und wie sie Technologie nutzen
Beim Abspielen dieses Videos wird eine Verbindung zu YouTube (Google) hergestellt. Datenschutzhinweise
Die vier Prinzipien barrierefreien Designs (POUR)
Eines der zentralen Konzepte der Barrierefreiheit ist das POUR-Framework. Es hilft Entwickler:innen und Designer:innen, über einzelne Fixes hinauszudenken und digitale Erlebnisse zu schaffen, die für möglichst viele Menschen funktionieren. Diese Prinzipien bilden die Grundlage der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).
  • Perceivable (Wahrnehmbar)

    Nutzer:innen müssen Informationen wahrnehmen können — Textalternativen für Bilder, ausreichende Farbkontraste, Untertitel für Videos und Inhalte, die sich an unterschiedliche Bildschirme und Technologien anpassen.
  • Operable (Bedienbar)

    Menschen sollten eine Oberfläche unabhängig davon bedienen können, wie sie interagieren. Kann jede Funktion mit der Tastatur ausgeführt werden? Ist die Fokusreihenfolge logisch? Sind Schaltflächen groß genug?
  • Understandable (Verständlich)

    Eine Website sollte vorhersehbar und leicht verständlich sein. Klare Navigation, aussagekräftige Überschriften, einfache Sprache, konsistente Layouts und hilfreiche Fehlermeldungen machen einen großen Unterschied.
  • Robust

    Inhalte sollten in unterschiedlichen Browsern, auf verschiedenen Geräten und mit assistiven Technologien funktionieren — nicht nur heute, sondern auch wenn sich Technologien weiterentwickeln. Semantisches HTML und Webstandards helfen dabei.
Barrierefreiheit bedeutet Flexibilität, nicht eine einzige Lösung
Eine Sache, die mir besonders bewusst geworden ist: Unsere eigenen Erfahrungen prägen stark, was wir überhaupt wahrnehmen. Wenn Barrierefreiheit — so wie bei mir — bisher weder durch eine nahestehende Person noch durch die eigene Arbeit oder persönliche Erfahrung Teil des Alltags war, hat man vielleicht noch nie darüber nachgedacht, dass Menschen innerhalb derselben Kategorie einer Behinderung vollkommen unterschiedliche und teilweise sogar gegensätzliche Bedürfnisse haben können.
Nehmen wir zum Beispiel eine Person mit einer Sehbeeinträchtigung. Wenn ich euch fragen würde, welches dieser beiden Designs leichter zu lesen ist — eines mit kleinem Text oder eines mit großem Text —, wofür würdet ihr euch entscheiden?

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Ich weiß, was meine Antwort gewesen wäre. Natürlich der größere Text!
Aber … das stimmt nicht immer.
Das Tunnelblick-Beispiel hat meine Sichtweise besonders verändert. Menschen mit Tunnelblick sehen möglicherweise nur einen kleinen zentralen Ausschnitt ihres Sichtfelds — fast so, als würden sie durch eine enge Röhre schauen. Viele verfügen über eine sehr gute Sehschärfe. Die Herausforderung besteht nicht darin, kleine Buchstaben zu lesen, sondern ausreichend viel von einer Seite gleichzeitig zu sehen.

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Bewege den Lichtkegel über die Seite, oder nutze die Pfeiltasten, wenn der Bereich fokussiert ist.
Tunnelblick-Simulation: kreisförmige Lichtkegel über Seiten mit großem und kleinem Text auf dunklem Hintergrund
Deshalb bedeutet Barrierefreiheit nicht, zu erraten, was jemand braucht. Es bedeutet, Erlebnisse zu schaffen, die es Menschen ermöglichen, Technologie an ihre individuelle Situation anzupassen.
Vom Warum zum Wie
Im zweiten Teil wechseln wir vom „Warum“ zum „Wie“: praktische Entscheidungen rund um HTML, visuelles Design, Tastaturbedienung, Formulare, Fehlerbehandlung und Anwendungsarchitektur.
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